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"Können nicht 1.000 Forschungsschwerpunkte haben"

derStandard, Redaktion, 21. Dezember 2005, 12:42
https://derstandard.at/1979824/Koennen-nicht-1000-Forschungsschwerpunkte-haben

Entwicklungsplanung der Uni Wien: Wenig erfolgreiche Fächer und Themen sollen nicht weitergeführt werden

Wien - Der Rechnungshof hat in seinem jüngsten Wahrnehmungsbericht die Universitäten zur Schwerpunktsetzung aufgefordert. Mit dem von Rektor Georg Winckler vorlegten Entwurf für eine Entwicklungsplanung geht die Uni Wien in die selbe Richtung. Darin vorgeschrieben sind konkrete Forschungsschwerpunkte, außerdem machte Winckler klar, dass Professuren künftig nur noch für Grundlagenfächer und darüber hinaus für Forschungsschwerpunkte eingerichtet werden. „Es kann nicht sein, dass wir 1.000 Forschungsschwerpunkte haben“, sagte Winckler. Fächer und Themen, die wenig erfolgreich sind, sollen nicht mehr weitergeführt werden.

Junge Mitarbeiter anlocken

Für Winckler gibt es mehrere Gründe für eine Neupositionierung der Universität Wien bis zum Jahr 2010, die mit der Entwicklungsplanung eingeleitet werden soll: Die Uni Wien müsse sich angesichts der Europäisierung des Hochschul- und Forschungsraums in Europa profilieren. Ein Großteil der Professoren werde in den nächsten Jahren emeritieren. „Hier stellt sich die Frage, ob wir attraktiv für junge Mitarbeiter sind“, so Winckler.

Wenig Kooperation

Das Universitätswesen zeichne sich durch hohe Fragmentierung und nur geringe Absprachen zwischen und in den Unis aus. Ähnlich der Kooperation der steirischen Unis seien deshalb auch „Vereinbarungen und Absprachen am Wiener Standort notwendig“. Es gebe eine Reihe von Studienrichtungen mit ungünstigem Betreuungsverhältnis zwischen Professoren und Studierenden, was sich durch das erwartete Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) über die österreichischen Uni-Zugangsregelungen verschärfen könnte.

Beschluss im Mai

„Diese Probleme sollten Anlass sein, sehr grundsätzlich über die Universität nachzudenken“, betonte der Rektor, dessen Universität heute, Freitag, am „Dies Academicus“ auf ihre Gründung vor 640 Jahren zurückblickt. Das Resultat dieses Nachdenkprozesses findet sich in dem Entwurf für die Entwicklungsplanung, der auf den Vorschlägen der 17 Fakultäten und Zentren der Uni Wien beruht. Der Senat hat Gelegenheit, zum Vorschlag des Rektorats eine Stellungnahme abzugeben, beschlossen wird die Entwicklungsplanung vom Universitätsrat, voraussichtlich noch im Mai. Er soll aber jedes Jahr adaptiert werden.

Neue Schwerpunkte

Ein zentraler Punkt der Entwicklungsplanung ist die Definition von Forschungsschwerpunkten und die Widmung von Professuren: Bei der Wahl der Schwerpunkte bedürfe es einerseits einer Abstimmung zwischen den Unis im Wiener Raum, betonte Winckler. Weiters müsse darauf geachtet werden, „welche Bereiche für die kulturelle Tradition in Österreich wichtig sind, wo die Uni Wien Exzellenz besitzt, wo große wissenschaftliche Durchbrüche zu erwarten sind und welche Fächer für Gesellschaft und Wirtschaft in Österreich wichtig sind“. Neben den nach diesen Kriterien definierten Forschungsschwerpunkten müssten Grundlagenfächer, die für Lehre und Forschung wichtig sind, weiter abgedeckt sein: „Es wird immer Organische Chemie oder Zivilrecht geben, auch wenn das kein Schwerpunkt wäre. Fraglich ist aber, ob wir eine Professur für soziale und wirtschaftliche Entwicklung in Ostasien benötigen“, nennt Winckler Beispiele.

Es geht ans Eingemachte

Umgekehrt sieht die Entwicklungsplanung vor, dass Fächer, die am aktuellen wissenschaftlichen Diskurs nicht mehr anknüpfen und wenig erfolgreich sind, nicht mehr weitergeführt werden sollen. Der vom Rektorat vorgelegte Entwurf macht konkrete Vorschläge für die Einrichtungen von Professuren, und zwar dort, wo in den nächsten Jahren Veränderungen möglich sind (etwa auf Grund von Emeritierungen) bzw. dort wo neue Initiativen gesetzt werden sollen. „Das ist klar, dass es da ans Eingemachte geht, da fühlen sich Fächer sofort bedroht, wenn sie da nicht aufscheinen. Aber man muss Verständnis dafür haben: unsere Mittel sind beschränkt, wir können nicht für alle interessanten Fragen Professuren einrichten“, betonte Georg Winckler.

Breite Bakkalaureate

Im Bereich der Lehre verfolgt die Entwicklungsplanung zwei Stoßrichtungen: die Studienarchitektur und die Doktoratsausbildung. Klar ist für Winckler, dass der Zug längst in Richtung dreigliedriges Studiensystem (mit den Abschlüssen Bakkalaureat, Master und Doktorat) abgefahren ist. „Es geht nun um die Frage, ob es breite Bakkalaureat-Studien geben soll und wie breit diese sein sollen, ob es viele spezialisierte Master-Studien geben soll, etc“. Für Winckler sind die bestehenden Stärken der Studienlandschaft auch für die Zukunft zu sichern.

Lernzeit statt Lehrzeit

Der Rektor plädiert weiters für einen Wechsel „von der Lehr- zur Lernzentriertheit“. „Wir fragen uns heute viel zu wenig, welche Belastung ein Studium für die Studenten mit sich bringt.“ Statt eine Lehrveranstaltung etwa mit „zwei Wochenstunden“ anzugeben, also zu sagen, wie lange ein Lehrender im Hörsaal oder Labor steht, sollte man dazu übergehen, den tatsächlichen Zeitaufwand einer Lehrveranstaltung für die Studierenden zu berücksichtigen und in Form von ECTS-Punkten anzugeben.

Neue Doktorate

Die Doktoratsausbildung will Winckler durch Einrichtung neuer Doktoratsprogramme verbessern und Doktoranden auch über „Teaching- und Research-Assistantships“ Beschäftigungsmöglichkeiten geben. Konkret sollen 120 bis 180 zusätzliche derartige Stellen geschaffen werden, was auch das Problem der Überalterung des wissenschaftlichen Uni-Personals eindämmen soll. Geplant ist, dies mit zwei bis drei Mio. Euro zusätzlich zu unterstützen. Das Rektorat setzt dabei bereits auf dreijährige Doktoratsstudien, weil nach Ansicht Wincklers dies den künftigen europäischen Bedingungen entsprechen wird. (APA/red)


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